Die andere Seite der Amazon-Testprodukte

Der Mensch hinter den E-Mails

Mails an Amazon Produkttester aus China

Als Produkttester freut man sich über Angebote zu kostenlosen Testprodukten. Als Tester in Amazons Rezensenten-Rangliste können es viele Mails am Tag sein. Etliche davon kommen aus China, was man oft schon an der holprigen Übersetzung sieht. Bei den Produkten selbst gibt es große Unterschiede. Dabei ist "Made in China" in vielen Fällen heute kein Makel mehr. Alle großen Hersteller lassen dort produzieren und man hat dazugelernt. Trotzdem sind auch schlechte Artikel darunter, diese zu erkennen und entsprechend zu bewerten ist Teil der Aufgabe eines ehrlichen Testers. Aber woher kommen die Produkte, wer sind die Verkäufer und was ist ihre Motivation? In diesem Beitrag geht es um einen kurzen und wie ich finde eindrucksvollen Einblick auf die andere Seite der E-Mail.

 

Ein Eindruck aus China

Ein Produkttester hat sich für den Menschen hinter einer dieser Angebots-Emails interessiert. Seine Zusammenfassung möchte ich hier mit seiner Erlaubnis gerne wiedergeben. Was er erzählt ist realistisch und wird von anderen Testern bestätigt. Es soll hier keine moralische Wertung stattfinden und es soll kein Aufruf sein, dadurch irgendetwas an seinen Bewertungsmaßstäben zu ändern. Dort kommt es einzig und allein auf das Produkt an und nicht auf die Begleitumstände. Trotzdem schadet es nicht, sich von Zeit zu Zeit bewusst zu machen, dass wir es immer mit Menschen zu tun haben, die alle ihre eigene Geschichte haben.

 

 

 

Wir sind hier, wir sind Rezensenten, wir wollen Produkte zu kleinem Preis .

 

Aber.... wie sieht es auf der anderen Seite aus?

Ich erzähle euch von Emily*, ja sie heißt wirklich so bzw. ist es in China üblich, sich noch einen zweiten europäischen Namen zu geben, wenn man internationale Konversationen betreibt. Deswegen gibt es auch so viele Gerdas und Johns etc.

 

Also Emily ist verheiratet, 30 Jahre alt und hat einen Sohn der acht Monate alt ist.

Sie wohnt in Shenzen (bei Hongkong) und musste 75 Tage nach der Geburt wieder zur Arbeit (nix mit Erziehungsjahr etc.). Da es in China so üblich ist mit den Eltern des Gatten zusammen zu leben, passen Oma und Opa auf den kleinen Chi auf und sie darf mittags zwei Stunden Pause machen um ihn daheim zu stillen oder abzupumpen.

Sie ist elf Stunden pro Tag in der Firma, abzüglich der zwei Stunden zur Pause, also insgesamt neun Arbeitsstunden. Dies aber auch nur, weil sie halt junge Mutter ist. Ansonsten hätten sie bei elf Stunden ca. 20-30 Minuten Pause. Natürlich arbeitet sie sechs Tage pro Woche.

 

Die Mitarbeiter kommen in die Firmen und wenn sie als Vermittler angestellt sind, dann sind sie auch Verkäufer.

 

Ich erkläre das mal so:

Der Chef vom Ganzen kommt hin und teilt den Leuten Klamotten, Technik oder was auch immer zu. Die Produkte variieren, da man mit Klamotten anfängt und dann immer mehr und hochwertigeres bekommt.

Also Sachen zugeteilt, dann müssen sie sich für ihre Teile einen "Firmennamen" aussuchen, deswegen gibt es oft das absolut gleiche Produkt von verschiedenen "Firmen".

 

Dazu hauen sie dann die Produktbeschreibung raus. Sprechen also Mandarin und Englisch und sollen dann jeweils für fünf Portale die Beschreibung machen.

Im Fall Emily sind es USA, Frankreich, England, Deutschland und Spanien.

Dann bekommen sie vom Chef vorgeschrieben wieviele Artikel sie zu verkaufen haben. Wer drunter liegt bekommt kein Geld, also nix mit Tarifvertrag oder sowas.

Also haben sie nur die Möglichkeit möglichst viel zu verkaufen, wobei sie ein so und so großes Budget haben für uns, damit sie Ihre Artikel möglichst hoch im Ranking bekommen und genug verkaufen. 

Daher auch manchmal dieser Druck, vor allem von denen die neu anfangen. Wenn sie dann im internen Ranking höher steigen, dann haben sie auch mehr Möglichkeiten. Alleine schon weil sie dann selber Druck machen könne und an denen, die unter ihnen sind, mitverdienen. Also alles gar nicht so einfach und kann man mit Deutschland nicht vergleichen.

 

Übrigens, damit ihr nicht auf komische Gedanken kommt: Ich habe von Emily nichts bekommen und werde das auch nicht machen, da ich in ihrem Fall dann ehrlich befangen wäre.

 

Zuletzt noch: Oftmals ist es so dass die selber nicht von ihren Artikeln überzeugt sind und sie eigentlich schlecht finde, aber verkaufen MÜSSEN.

 

* Name geändert

 

 

Vielleicht kann man so manche Dinge etwas besser nachvollziehen und versteht, warum manchmal auch Anfragen kommen, die so nicht mit Amazons Richtlinien konform sind. Da werden Fünf-Sterne-Bewertungen verlangt oder die Rücknahme einer schlechten Rezension. Eine Erklärung - damit meine ich nicht Rechtfertigung - dafür ist sicherlich der enorme Erfolgsdruck, bei vielen hängt daran die Frage, ob die Familie einen weiteren Monat ernährt werden kann.

 

Als Tester sollte man sich bewusst sein, wie viel für einen Verkäufer von einer schlechten Rezension abhängen kann. Ich finde es legitim, dem Verkäufer die Möglichkeit zu geben, nachzubessern. In den Fällen, wo das nicht möglich ist und ein Produkt tatsächlich schlecht, muss man natürlich trotzdem ehrlich bleiben. Übrigens auch im Sinne der Verkäufer. Denn was nutzen geschönte Rezensionen von Produkttestern, wenn anschließend fast alle normalen Käufer ihren verständlichem Frust in ihre Rezensionen schreiben und das Produkt massenweise zurücksenden.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Lana_SHON (Donnerstag, 15 September 2016 17:20)

    Sehr informativ. Danke.